Schuhmarkt

Weg vom Oma-Image

Zu hoch, zu eng, zu spitz. Von der Lust der Frauen auf sexy Schuhe profitiert die Branche der Komfortschuhmacher. Hier entwickelt sich das Geschäft weiter. Damit Gesundheit Kult wird, bieten Promis Schützenhilfe. 03/07 Maria Schneidewind /Ilona Sauerbier

Zu hoch, zu eng, zu spitz. Von der Lust der Frauen auf sexy Schuhe profitiert die Branche der Komfortschuhmacher. Hier entwickelt sich das Geschäft weiter. Damit Gesundheit Kult wird, bieten Promis Schützenhilfe.

Natürlich sind Stilettos sexy. Selbstverständlich braucht man High Heels für den Hüftschwung à la Marilyn. Und es ist auch unbestritten, dass spitze Treter auf steilen Hacken ein Festschmaus für Männeraugen sind. Das war schon bei den alten Chinesen so, die ihre Frauen auf festgezurrten Babyfüßen stöckeln ließen, damit – glaubt man den Psychologen – ihnen das Objekt ihrer Begierde nicht auf leichter Sohle davonlaufen kann.

Mit superspitzen Leisten und zusätzlich hohen Hacken war die Mode immer erfolgreich und wurde von allen geliebt. Aber die Strafe folgt nicht selten auf den Fuß. Kassandrarufe aus den Praxen der Orthopäden werden lauter: Patienten mit Fußbeschwerden machen fast die Hälfte all jener Menschen aus, die einen Orthopäden aufsuchen, die meisten sind Frauen,Tendenz steigend.

„Männer haben weniger Probleme damit“, sagt Thomas Bach vom Schuhhaus Bach in Rüsselsheim. „Und wenn, aber dann richtig. Zunächst warten sie aber, bis gar nichts mehr geht.“ Demgegenüber schleppen sich Frauen mit durchgetretenen Knochen und Hallux valgus viel früher in die Praxen und zum Komfortschuh-Spezialisten. „Rund 70 Prozent der weiblichen Bevölkerung“ sind es, die daran leiden, so der Münchner Orthopäde Christian Kinast. Schuld daran sind in den meisten Fällen „zu häufiges Tragen von zu hohen, zu spitzen und zu kleinen Schuhen“.

Besonders das Phänomen Hallux valgus nimmt zu: Schiefstand der großen Zehe mit dadurch hervortretenden Ballen, die schmerzhafte Entzündungen hervorrufen. Wenn das Leiden noch im Anfangsstadium ist, können Podologen helfen, medizinisch ausgebildete Fußpfleger: Das ist jener neue Berufsstand, der, so Andreas Sander vom Deutschen Podologen-Verband, vom fatalen Zustand der Füße profitiert, denn: „Wenn wir uns die Schuhmode anschauen, dann stellen wir fest, dass wir uns um die Zukunft keine Sorgen machen müssen.“

Selbstverständlich verfolgt die Branche der Komfortschuhhersteller das alles haargenau – und bleibt keineswegs tatenlos. Komfortschuhe werden schicker, keine Frage, die Mode mischt zunehmend mit, auch der traditionelle Kundenstamm will nicht alt aussehen. Hinzu kommen, dass Anbieter wie Gabor, Geox, Ecco oder Timberland mit Precise Fit in Richtung Wellnessschuh gehen und die Kunden ansprechen, die es einfach nur bequem aber etwas flotter haben wollen.

Doch es steckt viel Potenzial in der Branche, das noch längst nicht ausgeschöpft ist. Podologe Sander: „Wir sagen den Frauen immer wieder, dass sie Gesundheitsschuhe tragen müssen, aber es fruchtet nichts, solange die das Oma-Image haben.“ Sneaker seien das Höchste der Gefühle, was sich junge Frauen für gesunde Füße leisten – nicht genug, sagt Sander. Was beim Podologen noch nicht ganz angekommen ist, zeichnet sich aber sachte an der Verkaufsfront ab. „Ich sehe immer häufiger Frauen um die Dreißig an den Auslagen der Komfortschuhe stehen und die Modelle anprobieren. Das hätte es früher nie gegeben“, sagt Heike Fuckert von Görtz in Hamburg.

Für die Produktmanagerin ein Zeichen dafür, dass auch „jüngere Frauen Probleme akzeptieren und verantwortungsbewusster mit ihrem Körper umgehen.“ Die Kürzungen der Krankenkassen und die endlose Diskussion um die Gesundheitsreform tragen das Ihre dazu bei, dass es vorangeht mit dem Wandel des Bewusstseins. Mehr denn je ist heutzutage Eigeninitiative angesagt in Sachen Gesundheit. Es vergeht keine Woche, in der nicht Magazine wie „Stern“ oder „Focus“ einen Titelbericht bringen zu verbraucherfreundlichen Themen à la „Was ich über meinen Körper wissen muss, um gesund zu bleiben“. „Die Frauen gehen behutsamer mit ihren Füßen um“, sagt auch Franz Josef Zumnorde.

So wie man Gesicht und Hände pflege, so sollten auch die Füße umsorgt werden. Um die Frauen für ihre Füße zu sensibilisieren, macht Handelskollege Bach in Rüsselsheim Aloe-Vera-Events, die von Theresa M. als wichtigstem Anbieter unterstützt werden. Hier werden Schuhe mit hautfreundlichem Aloe-Vera-Zusatz vorgestellt und mit passenden Cremes ergänzt. Doch das Geschäft mit der Gesundheit scheint zu florieren. Ergo in Frankfurt, eine Geschäftsidee für „Gesundes Sitzen, Liegen und Gehen“, meldet anspornende Erfolge. Der Bereich Gehen ist bei Ergo mit MBTs vertreten, den Schuhen der „Masai Barfuß Technologie“, die im vergangenen Jahr mit dem „Runnersworld Ispo Award“ ausgezeichnet und entsprechend in den Medien gefeiert wurde.

Wie schon beim Phänomen Birkenstock sind es auch hier die Promis, die Schützenhilfe bieten: Vom Münchner Partykönig Gerd Käfer über Starfriseur Udo Walz bis hin zum Schriftsteller Martin Walser wurden die MBTs schon öffentlich hochgelobt (Martin Walser: „Die beste Erfindung seit der des Rads!“). Wenn auch die klobigen Treter mit der Rundsohle eher selten auf der Straße zu sehen sind, hat sie das Frauenmagazin „Allegra“ schon zu „Must-haves“ geadelt: „MBTs sind Kult“.

Und Kultstatus ist das höchste, was aus Gesundheitsschuhen werden kann. Birkenstock hat es vorgemacht: Mit der Schützenhilfe von Heidi Klum läuft das Geschäft. Bei der Firma Bär bringt Fernsehstar Nina Ruge ihre Ideen mit ein, nun schon in der dritten Saison. Marketingchef Sebastian Bär zieht Bilanz: „Bei den jüngeren Frauen kommt der Name gut an, die Resonanz in den Medien hilft mit, wir haben die richtige Entscheidung getroffen.“ 03/07 Maria Schneidewind /Ilona Sauerbier

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