Schuhmarkt

Körper & Konzepte

Holzsandale, Earth- und Fitness-Schuh waren die geistigen Vorläufer des MBT. Sie versprachen nicht nur Kräftigung von Fuß und Körper, sondern passten auch ins kulturelle und gesellschaftliche Klima der jeweiligen Zeit. 03/07 Nike Breyer

Holzsandale, Earth- und Fitness-Schuh waren die geistigen Vorläufer des MBT. Sie versprachen nicht nur Kräftigung von Fuß und Körper, sondern passten auch ins kulturelle und gesellschaftliche Klima der jeweiligen Zeit.

Die Vorstellung der Kunden von Gesundheit und Natürlichkeit – geprägt duch die kulturellen und modischen Zeitströmungen – fand nicht selten in der Philosophie der Schuhe ihren Ausdruck. Auch heute lassen sich Verbindungen zwischen modernen Funktionskonzepten und gesellschaftlichen Trends knüpfen. Historisch gesehen sind Schuhe mit einer „Körper-Philosophie“ nicht neu. Es gibt sie, seit die Lebensreformbewegung im Wilhelminischen Kaiserreich die Natur als wichtige Bezugsgröße für den Menschen und seinen Körper entdeckt hat. Die daraufhin entwickelten Schuhe nannten sich „rationelles“ oder „orthopädisches Schuhwerk“, was damals besonders avantgardistisch klang.

Aus den zahlreichen Fußbekleidungs-Ideen, die in den letzten hundert Jahren die Fußgesundheit erhalten sollten, sind drei historische Konzepte zu erwähnen. Schuhkonzepte, die das Körperbild ihrer Zeit aufgreifen und ästhetisch überzeugend gestaltet sind,werden nicht nur akzeptiert, sondern sie können auch Markenzeichen einer Epoche sein. Birkenstock ist ein Beispiel dafür. Barfußlaufen ist die Urform des natürlichen Gehens. Das wusste schon Kurpfarrer Sebastian Kneipp (1821–1897), der diese Beschäftigung in Mode brachte.

Kneipp empfahl seinen Patienten das sogenannte Tautreten zur körperlichen Abhärtung und um die Füße aus den Schuhen zu befreien, die er „Verkümmerungsmaschine“ nannte. Kneipps fundamentalistisches Verständnis von Körperlichkeit und Natürlichkeit gehörte in das kulturelle Umfeld der Wilhelminischen Lebensreform. In reformerischen Kreisen des bürgerlichen Publikums stieß der Gesundheitspfarrer auf hohe Resonanz, denn die Gesellschaft empfand die Mode ihrer Zeit als zu starr, zu künstlich und zu einengend. Natürlichkeits-Fundamentalist Kneipp akzeptierte nur Barfußgehen oder Sandalen und wurde zum Urvater aller Gangreformer.

Freizeit- und Wellnessschuhe, die befreien oder trainieren

Nach dem Untergang der Kultur und Gegenkultur des Kaiserreichs galt dem Körper weiterhin besondere Aufmerksamkeit. Aber einen Körper zu besitzen, dessen Erscheinungsbild durch Sport und modische Kleidung inszeniert wurde, war wichtiger, als einen Körper zu haben, den man nur fühlt und erlebt. Dieses kulturelle Klima änderte sich erneut mit dem Nationalsozialismus. Der Körper blieb zwar stolzer Besitz und Statussymbol, wurde aber zugleich als Erlebnis- und Leistungsträger in den Blick genommen. So florierten alle Arten sportlicher bis paramilitärischer Betätigung, die Schuhreform des Kaiserreichs erlebte ein Comeback.

Drei Konzeptschuhe dieser Zeit sollten den Bewegungsapparat stärken und den Gang reformieren. Ein Klassiker ist bis heute die Gymnastik-Sandale von Berkemann. Sie wurde von Professor Wilhelm Thomsen mit der Firma Berkemann nach einem Entwurf des Wiener Gymnastiklehrers Wiesner entwickelt, aber erst nach dem Krieg mit großem Erfolg auf den Markt gebracht. Im Wirtschaftswunder- Deutschland wurde sie enorm populär und von fast allen Bevölkerungskreisen getragen. Das Prinzip ist einfach: Indem die Zehen beim Abrollen nach dem Kamm auf der plastisch geformten Holzsohle greifen, wird durch abwechselndes Anspannen und Entspannen die Fußmuskulatur trainiert. Schon damals war Thomsens Ziel, die Fußübung möglichst in die Tätigkeit des gewöhnlichen Lebens zu verlegen und eine sonst langweilig wirkende häufige Wiederholung der Übung zu erreichen. Ein Gedanke, der uns heute beim MBT-Schuh wieder begegnet.

Ein anderer Trainingsschuh jener Zeit verfehlte die Alltagstauglichkeit, zeigte aber auch Ähnlichkeit mit der MBT-Technologie. Thomsen entwickelte die Kugelsandale, eine mit Schlupfriemen versehene Holzsohle, an deren Unterseite eine mit Gummi bezogene Halbkugel befestigt war. Er erklärte, dass die erhebliche Verkleinerung der Aufstützungsfläche automatisch eine sehr lebhafte Anspannung der Fußmuskulatur, insbesondere der Pro- und Supinatoren, erzwingt. Wie beim MBT trainieren auch hier die Kompensationsbewegungen. Bei einer anderen Variante dieser Trainingssandale balancierte der Träger auf einer federnden Metallkufe. Die Idee in den dreißiger und vierziger Jahren, die allgemeine (Volks-)Gesundheit auch durch Schuhwerk zu verbessern, entsprach dem Zeitgeist, der kerniges Athletentum nach dem Vorbild Spartas idealisierte. Die Popularität der Gymnastik- Sandale in den 50er Jahren war weniger ein direkter Ausdruck der Kultur der jungen Bundesrepublik als kompensatorische kulturelle Praxis.

New Look und Hippie-Kultur setzen unterschiedliche Akzente

Nach der Kriegserfahrung mochten die Deutschen der Wirtschaftswunderzeit von Gesundheit und Vernunft als Körper-Leitkultur zunächst nichts mehr wissen. Sie begeisterten sich für alles, was chic und modisch aussah: die Wespentaille des Pariser New Look oder Stöckelschuhe aus Italien. Schnell merkten vor allem die Frauen, dass es den malträtierten Zehen und Ballen gut täte, sie gelegentlich auf Holzkläppern auszustrecken und ein wenig arbeiten zu lassen. Mitte der 60er Jahre änderte sich das Körperbild erneut. Der Minirock und eine neue Kindlichkeit mit flachen, verrundeten Schuhen, viel Farbe und großen Mustern kam ins Spiel.

Hängerkleidchen aus London konkurrierten mit den Raumfahrt- Looks von Courrèges, Cardin oder Patou. Die Kleidung erschien als etwas dem Körper Übergehängtes oder Aufgesetztes, das keinen Bezug auf die Anatomie nahm. Anschließend formte die amerikanische Hippie-Bewegung eine neue Jugendkultur und dann die Mainstream-Mode. Natürlichkeit hatte alle Trainingsaspekte verloren und wurde als Befreiung von den Zwängen der Kleidung, der Etikette, des Leistungsdenkens und der Gesellschaft verstanden.

Earth-Schuhe für Öko-Freaks

Ab 1970 machte ein Konzeptschuh mit so genanntem Minusabsatz, der Earth Shoe, Karriere. Wie der spätere MBT-Erfinder Karl Müller hatte die dänische Yogalehrerin Anne Kalsö vor fünfunddreißig Jahren die Idee, dem Prinzip des natürlichen Laufens bei unverbildeten Naturvölkern nachzuspüren. Durch Kalsös Natur-Philosophie geadelt, erlebte der Earth Shoe in den 70er Jahren eine kometenhafte Popularität und wurde zum Erkennungszeichen für junge Öko-Freaks. Der Einfluss der Gesinnung war dabei so groß, dass ganze Fangemeinden auf die Natürlichkeit des Konzeptschuhs schworen.

Heute gilt als erwiesen, dass die abfallende Sohlenkonstruktion die Achillessehne überstreckt und eine Art Skispringer-Fußhaltung erzeugt. Der symbolträchtige Name hat zwar zum Erfolg des Earth Shoe beigetragen, doch ein Großereignis der ökologischen Bewegung war wichtiger: Als 1970 US-Senator Gaylord Nelson den halboffiziellen Feiertag Earth Day ausrief und damit eine groß angelegte Kampagne zum Schutz der Umwelt einleitete, fiel dieses Datum mit der Lancierung von Kalsös neuem Schuh zusammen. Eine Flut von Earth-Day-Pilgern stieß an diesem Tag in New Yorks trendigen Nature Shops auf den neuen Schuh und kaufte begeistert die Regale leer. Als Hommage an diese Premiere hieß der Schuh fortan nur noch Earth Shoe.

Eine Art deutsche Antwort auf den dänischen Treter kam 1975 von Sioux. Das Unternehmen entwickelte den sogenannten „Fitness-Schuh“, der auf eine tiefergelegte Ferse und jeden Absatz verzichtete. Die Sohle hatte eine ausgeprägte Ballen- und Fersenrolle und zeigte damit Ähnlichkeit zum MBT. Die populäre Trimm-Dich-Welle bescherte ihm engagierte Träger. Dabei führte Sioux den alten Gedanken der Ertüchtigung erneut in die Idee von Natürlichkeit ein.

In den 80er und 90er Jahren fehlten Gangreform-Schuhkonzepte. Designer-Gesundheitsschuhe à la Bama fallen in eine andere Kategorie. Der Aufstieg der Turnschuhe begann. Nach dem Höhepunkt der High-Tech-Trainer-Mode Mitte der 90er Jahre war die Maximal-Dämpfungs-Emphase allerdings rückläufig. Modische Aspekte gewannen an Wichtigkeit. Gesundheitsschuhe sollten besser ausschauen, cooler sein. So werden mehr und mehr Sportschuhe entwickelt, die dem Barfußgefühl und dem Barfußverhalten nachempfunden sind. Das beginnt bei Nike und geht hin bis zu traditionellen Marken, die sich dieses Themas annehmen.

Mit dem Aufstieg der elektronischen Medien änderte sich auch das Schönheitsideal für gewisse Zielgruppen. Die computeranimierte Kunstfigur Lara Croft machte Karriere und stellte erstmals ein rundum künstliches Schönheitsideal dar. Das gesellschaftliche Körperbild zeigte auf einmal mehrere Seiten: In Opposition zum Kunstkörper entwickelten sich neue Bewegungskulturen wie Yoga und Nordic Walking.

Dieser Beitrag erschien in der Fachzeitschrift Orthopädie Schuhtechnik und wurde von SchuhMarkt gekürzt. 03/07 Nike Breyer

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