Schuhmarkt

Comeback der Klassik

Die große Zeit der Sneaker hat ihren Höhepunkt überschritten, darin sind sich Handel und Hersteller weitgehend einig. Stattdessen holen knöchelhohe Leder- Boots, im formelleren Segment schwarze Oxfords und Budapester, weiter auf. 08/07 Maria Schneidewind

Die große Zeit der Sneaker hat ihren Höhepunkt überschritten, darin sind sich Handel und Hersteller weitgehend einig. Stattdessen holen knöchelhohe Leder- Boots, im formelleren Segment schwarze Oxfords und Budapester, weiter auf.

Einer der Überraschungserfolge des Buchmarkts im vergangenen Jahr heißt „Manieren“: Binnen weniger Wochen entwickelte sich die Anstandsfibel zum Bestseller, und in den Medien fragte sich so mancher Kommentator, wieso wir plötzlich diesen Hunger nach guten Sitten haben. Die Etikette-Branche erlebt seit Jahren einen Boom, es gibt Benimm-Kurse wie nie zuvor, Business-Leute, Sekretärinnen und Studenten wollen die Regeln des gesellschaftlichen Parketts und, mehr noch, des Berufslebens erlernen. In Sneakern zum Bewerbungsgespräch? Schon verloren!, warnen die Benimm-Apostel.

„Schau auf die Schuhe eines Mannes und Du weißt, wer er ist“: Diese alte Gentleman-Regel, die davon ausgeht, dass ein Herrenschuh schlicht, hochwertig und gepflegt auszusehen hat, gewinnt derzeit wieder an Terrain. Angesichts neuer, schmalerer Silhouetten in der Männermode, der zurückgenommenen Farbigkeit und des Understatements im Gesamtauftritt scheint es angemessen, auch bei Schuhen nicht zu klotzen. Schwarz als neue Trendfarbe mag da nicht überraschen.

Das heißt natürlich nicht, dass sich nun jedermann nach Gentleman- Manier mit Oxfords oder Budapestern eindecken wird. „Wir spüren einen Anstieg der Nachfrage nach unseren Klassikern“, sagt Stefan Fischer, Deutschland-Repräsentant von Ludwig Reiter, „aber es wäre übertrieben, von einem Order-Boom zu sprechen“. Auffallend sei, dass die Kunden großen Wert auf die „typisch österreichisch-ungarische Formensprache“ legen, die etwas markanter ausfällt als die der Pendants im anglo-amerikanischen Stil. „Den eigenen, authentischen Stil zu pflegen und auszubauen, wird immer wichtiger“, so Fischer.

Hermann Hoste, Chefberater der Manufaktur Dinkelacker, sieht ein „deutlich verstärktes Interesse unserer Kunden am rahmengenähten Schuh“ – was aber nicht ausschließe, dass man mit diversen Aktivitäten daran arbeiten müsse, „beim Kunden die Begeisterung für Tragekomfort und Langlebigkeit des Produkts zu wecken“. Die Bereitschaft, höhere Preise für höhere Qualität zu zahlen, sei da, aber Hochwertiges müsse erklärt werden.

Bei Lloyd gilt es, den „klassischen Lederschuh neu zu formulieren“. Marketing-Chef Andreas Schaller hat festgestellt, dass „auf dem Land und in Kleinstädten noch immer die Lust auf Sneaker groß ist, während in den Cities bereits der Klassik-Trend ankommt“. Damit einher gehe ein gewachsenes Qualitätsbewusstsein: „Dass Geiz geil sei, wie die Werbung sagt, mag doch keiner mehr hören!“

Gepflegter Brit-Chic hat auch bei Belmondo im Business-Segment an Terrain gewonnen. Marketing-Referentin Christina Engel: „Englische Klassiker mit Lyra-Lochung auf den Flügelkappen: ja – aber nichts überdekoriertes, nicht zusätzlich noch helle Nähte!“ Kleine Extravaganzen leistet man sich beim Innenfutter: Das ist schon mal aus Leder mit Motivdruck oder aus aufgerauhtem Baumwollfleece mit Glenchek-Muster.

„Je schlichter, desto besser!“ heißt es bei Sioux. Wie PR-Chefin Manuela Queiser bestätigt, kommen verstärkt glatte Lederqualitäten und Aufmachung mit Zierlochungen und Flügelkappen zum Einsatz. Letztlich aber zeigten die Reinverkaufszahlen immer wieder: „Gefordert wird Mode, gekauft wird 08/15 – und das heißt: schwarz, glatt, Gummisohle“. Sioux bleibe bei der „bewährten Linie, die ihren Schwerpunkt auf Tragekomfort à la Mokassin setzt, auch bei Business-Schuhen“.

Ebenfalls auf Softwalk-Konzepte setzt Marc shoes. Marketing-Referentin Ursula Homm: „Sportlich-funktionale Argumente sind bei uns genauso wichtig in der Klassik-Sparte mit Ledersohlen wie im sportlichen Segment,wo die Sohlen innovativer, trendiger geworden sind“. Die Gewichtung des Klassik- und des sportlichen Segments sei mit je 50 Prozent in etwa gleichgeblieben. Die Grundtendenz geht auch im Casual-Bereich in die cleanere, „angezogenere“ Richtung.

 

„Eine gewisse Beruhigung durchzieht die gesamte Kollektion, auch farblich“, so Dr. Thomas Nassua, Geschäftsführer bei s.Oliver. Dort ist der Sneaker-Anteil zugunsten von maskulinen Boots-Typen von 50 auf 40 Prozent zurückgegangen. „Die neuen Sneaker heißen Boots“, bringt es Nassua auf den Punkt. Bei Marc O’Polo ist der Vintage-Touch dem gepflegteren Look gewichen. „Alles Kaputte ist weg“, sagt Petra Mierzinsky, Produktmanagerin Schuhe & Accessoires. Stattdessen zählt schwarzes, gebürstetes Kalbsleder mit leichtem Glanz zu den wichtigsten Materialien für Monks, Chelsea- und Zipper- Stiefeletten. Sneaker gibt es nach wie vor, aber „nicht mehr ganz so rustikal“.

Von der „Evolution des guten Stils“ spricht Robert Stöckl, Lacoste:„Weil wir einen klassisch-cleanen Auftritt haben, nie knallig, sind wir kräftig gewachsen im sogenannten totgesagten Markt der Sneakertypen“. Es sei heute „wichtiger denn je, eine eigene Handschrift zu haben“. Der Handel definiert das Thema Neue Klassik unterschiedlich. In den Geschäften von „Budapester Schuhe“, die seit jeher hochwertige Klassik anbieten, sind mit dem Comeback des englischen Citybanker-Looks auch die sehr konservativen Schuhe zurück in den Regalen. „Wir haben wieder Church mit reingenommen, sagt Inhaber Andreas Schläwicke, „und zwar die schwarzglänzenden Oxford-Modelle, die einige Zeit lang geradezu verpönt waren,weil allzu konservativ“. Bei allen anderen Herstellern aber müsse Klassik „frisch wirken, nicht verstaubt“.

Humanic setzt weiter auf Boots, die knapp bis zum Knöchel reichen. Hellmut Fromm, Chefeinkäufer für Österreich und Deutschland: „Die liefen schon letzten Herbst sehr gut – allerdings nur dann, wenn sie die richtige Höhe hatten: Kniehohe Stiefel wurden kaum angefasst“. Bei Görtz steht mit dem neuen cleanen Look auch Qualität verstärkt im Fokus. Heiko Grünler, Produktmanager der Segmente „Modern“ und „Modern Classic“: „Das Hochwertige gewinnt immer mehr an Bedeutung. Die Kunden wollen aber einen Gegenwert für ihr Geld. Komfort und Qualität müssen stimmen, dann werden höhere Preise akzeptiert“. Diese Tendenz rückt auch rahmengenähte Schuhe nach vorn.

Bei Görtz 17 sind „die typischen Sneaker eindeutig rückläufig“. Produktmanager Peter Iff: „Zum Sommer kommen die Van-Typen, die Chucks und die Bootschuhe mit vulkanisierten Böden, im Herbst dann die neuen Schnürstiefeletten und die City- und Chelsea-Boots: Damit hatten wir schon im vergangenen Herbst gute Erfolge.“ Insgesamt sei im jungen Bereich das männlich-rustikale deutlich mehr gefragt als der elegant-cleane Look. Was dagegen von den hier und da angebotenen Lackschuhen zu halten sei, weiß man im Handel noch nicht so recht. Streng nach Etikette sind Lackschuhe für den Herrn nur als Begleiter zur festlichen Abendgesellschaft erlaubt. Helmut Fromm von Humanic: „Wir werden sie mit ins Angebot nehmen – aber das bleibt ein Randthema“. Mit gutem Stil jedenfalls, so die traditionelle Regel, hat Lack für den Herrn tagsüber rein gar nichts zu tun. 08/07 Maria Schneidewind

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