Schuhmarkt

Des Reiters feine Leisten

Das Familienunternehmen Ludwig Reiter gehört zu den Schuhanbietern, die Tradition und Moderne perfekt verbinden und mit dem passenden Lifestyle-Konzept bis ins kleinste Detail pflegen. Die Wiener Schuhmanufaktur expandiert nun in Richtung China. 23/07 Ilona Sauerbier

Das Familienunternehmen Ludwig Reiter gehört zu den Schuhanbietern, die Tradition und Moderne perfekt verbinden und mit dem passenden Lifestyle-Konzept bis ins kleinste Detail pflegen. Die Wiener Schuhmanufaktur expandiert nun in Richtung China.

Nirgends sitzt der Teufel so im Detail – nirgends sonst treten die Schwächen des Trägers deutlicher zutage als an seinen Schuhen. Die Trennung sozialer Klassen ist längst nicht mehr durch das Einkommen markiert. Auch den Hochverdiener entlarvt jenes proletarische Stigma, das ihn Witzmotiv-Socken oder Weihnachtskrawatte tragen lässt oder auch geklebte Instant-Schuhe zum Versace-Smoking. Solche Leute sind eher nicht die Kunden der Wiener Schuhmanufaktur Ludwig Reiter, die sich Österreichs einziger Hersteller rahmengenähter Schuhe im Goodyear-Verfahren nennen darf.

Instant-Schuhe sind Till Reiter, Geschäftsführer der Firma, ein Graus. Er wie auch seine Brüder Uz und Lukas, die ebenso im Unternehmen tätig sind, lieben das Authentische – Klasse eben. Dazu gehören Großfamilie, alte Bausubstanz und natürlich traditionelles Schuhwerk. Till Reiter liebt zudem Geschichten.

Wo Orson Welles lauerte

So war es nicht ganz zufällig, dass sich Reiter das Wiener Drei-Mäderl-Haus als Firmensitz und Standort für den ersten Shop wählte. Jenes Schnuckelgebäude, wo Hans Moser im gleichnamigen Film spielte, wo Franz Schubert die Freundschaft zu den drei Töchtern des Besitzers pflegte und wo Orson Welles in „Der dritte Mann“ vor der Tür lauerte. Das auf drei Etagen verteilte 300 qm große Gebäude ist ein Kleinod im Wiener Einzelhandel. Eine Mischung aus Tradition und Moderne. Überall Antiquitäten aus dem Familienbesitz, abgewetzte Ledersofas, Holzdielen, Kelimteppiche, sparsame Dekorationen und hypermoderne Lichtarchitektur. Im Drei-Mädel-Haus sowie in den inzwischen 13 eigenen Filialen und zwei Franchisegeschäften (acht in Österreich, sechs in Deutschland, eines in Zürich) wird alles edel präsentiert, was das Reiter-Sortiment zu bieten hat: Herren- und Damenschuhe, Stiefel,Taschen, Gürtel,Accessoires und Schuhpflege.

Ab Winter 2008 auch Outdoorjacken.

1885 gründete Urgroßvater Ludwig Reiter die Schuhmanufaktur. Heute sind in der vierten Generation Till, 46 (Marketing), und Uz, 47 (Finanzen) in der Geschäftsführung. Der jüngste Bruder Lucas, 44, entwickelt als freier Architekt die Läden und die aufwendige Lichttechnik. Tills Ehefrau Barbara kümmert sich um die Produktentwicklung. Die Produktion befindet sich in Wiener Neudorf, wo mit 50 Mitarbeitern Jährlich 30 000 Paar Schuhe hergestellt werden. 100 bis 150 am Tag. Für das traditionsreiche Goodyear- Verfahren braucht man Maschinen, „von denen es nur noch eine begrenzte Zahl auf der Welt gibt“, sagt Till Reiter. Gehen die Maschinen kaputt, hilft nur noch ein gewitzter Schlosser, dessen Kreativität so wichtig ist wie die der heutigen Designer.

Maronibrater für Modefans

Besondere Spezialität sind „Privatanfertigungen“, wo man sich aus einer Auswahl verschiedener Modelle, Leisten, Ledersorten und Bodenausführungen in bis zu 100 000 Varianten seinen Schuh nach eigenen Wünschen anfertigen lassen kann. Vier Stunden Arbeit nimmt im Durchschnitt ein Paar in Anspruch.

Verkaufspreise für Sportschuhe beginnen ab 159 Euro, rahmengenähte Schuhe kosten um 450 und Exoten klettern bis 5000 Euro. Für zarte Füßchen sind viele dieser Schuhe nicht konzipiert. „Man muss sich den Komfort manchmal blasenreich erarbeiten“, scherzt Till Reiter. Und das hätte schon Kaiser Franz Josef, der seinerzeit beliefert wurde, machen müssen.

Daher rührt auch die königliche Machart – das Rahmennähen. Sind die Schuhe aber eingelaufen, „sind sie so bequem wie Hauspatschen“. In 300 Arbeitsschritten werden bei der Goodyear-Technik Oberleder und Sohle nicht direkt miteinander verbunden, sondern indirekt über ein rundum laufendes, mitgenähtes Lederband – den Rahmen. Dieses bewegliche Element zwischen Sohle und Oberleder ermöglicht dem Schuh, den komplexen Bewegungsablauf des Fußes flexibel nachzuvollziehen. Das Rahmennähen macht den Schuh elastisch und bequem, dennoch stabil und dauerhaft.

Berühmt wurde Reiter durch den „Norweger“ aus Scotchgrain, dem Leder frei lebender Rinder. Er ist heute noch im Sortiment und unverändert robust, so dass es für ein Leben reicht. Ludwig Reiter ist inzwischen im In- und Ausland für seine Schuhe bekannt. Mitte nächsten Jahres soll ein weiteres Geschäft in München stehen, und es ist eine Eröffnung in Peking geplant. Mit Modellen wie dem „Trainer“,dem „Bowling“ oder dem legendären „Maronibrater“ war die Marke in den letzen Jahren international anerkannter Modepionier. Daraus resultieren auch die Kooperationen mit Designern wie Helmut Lang,Werner Baldessarini, Michalsky, Murkudis und dem Wiener Burgtheater.

In Deutschland beliefert Reiter circa 60 Kunden. Es sind zu gleichen Teilen Schuhgeschäfte, Herrenausstatter und Modeboutiquen.Till Reiter: ,,Jede Vertriebsschiene hat ihre Vorteile.“ Textilhändler könnten häufig den modischen Aspekt besser rüberbringen, während sich Schuhhändler besser auf die Argumentation um Material und Qualität verstehen. 23/07 Ilona Sauerbier

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