Schuhmarkt

Virtuelles Schuherlebnis

Second Life, ein Paralleluniversum im Internet, verzeichnet derzeit enorme Wachstumsraten. Knapp 5 Mio. Besucher haben sich weltweit bereits in diese Welt eingeloggt, Tendenz steigend. Firmen wie Adidas und Reebok haben die Chance ergriffen, dort ihre Sportschuhe zu vermarkten. 11/07 Kathrin Abler

Second Life, ein Paralleluniversum im Internet, verzeichnet derzeit enorme Wachstumsraten. Knapp 5 Mio. Besucher haben sich weltweit bereits in diese Welt eingeloggt, Tendenz steigend. Firmen wie Adidas und Reebok haben die Chance ergriffen, dort ihre Sportschuhe zu vermarkten.

Mit ihren neuen Schuhen springt sie meterhoch, ihr Gang wirkt lässig und entspannt – und das alles dank neuer Sportschuhe. Kat Piek ist gerade mal drei Monate alt, dennoch voll entwickelt und verfügt über die Idealmaße 90-60-90. Die Welt, in der Kat Piek lebt, ist nicht real, sie wurde vor fast vier Jahren von der US-Firma Linden Lab, San Francisco, im Web erschaffen und zieht mittlerweile knapp 5 Mio. Besucher an, wobei sich in den vergangenen 60 Tagen 1,6 Mio. Einwohner einloggten. Die Mitgliedschaft ist kostenlos, aber wer Land kaufen will, braucht einen Premium-Pass für mindestens sechs Dollar im Monat.

Second Life (engl. Zweites Leben) ist ein virtueller Kosmos, der von den Nutzern selbst gestaltet wird – sie können Grundstücke erwerben, Häuser bauen, Geschäfte eröffnen und sich mit anderen Bewohnern unterhalten. Selbst alltägliche Dinge wie Sex sind in Second Life, kurz SL, per Pixelanimation möglich.

Nur Lebensmittel laufen in dieser kapitalistischen Welt nicht. Dafür boomen Kleidung und Schönheitskorrekturen, mit denen der Besucher sein Computer-Alter Ego, den so genannten Avatar, aufmotzt. Kat Piek hat für ihre neuen Schuhe, ein Paar „Adidas A3 Microride“, 50 Linden-Dollar (L$) – so heißt die Second-Life-Währung – ausgegeben. Allein im Januar gaben die Avatare 1,34 Mrd. L$, also rund 5 Mio. US-$, für virtuelle Waren, Grundstücke und Dienstleistungen aus, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ).

Doch was interessieren uns in der realen Welt virtuelle Umsätze? Um ihre Sportschuhe zu kaufen, musste Kat Piek echte Dollar in die Online-Währung tauschen. Im Moment erhält man für einen US-$ 270 L$, wobei dieser Kurs in den vergangenen 12 Monaten leicht schwankte. Medienberichten zufolge wird der aktuelle Kurs bereits in einigen amerikanischen Börsenradios täglich in einem Atemzug mit Yen, Euro und Dollar genannt.

10 000 Menschen verdienen an Second Life

Second Life ist im richtigen Leben angekommen und Unternehmer können ihre verdienten L$ ebenfalls umtauschen. Die virtuelle Millionärin und Immobilienmaklerin Anshe Chung, deren realer Gegenpart die Deutsch-Chinesin Ailin Gräf ist, beschäftigt für ihre Geschäfte in SL bereits mehrere Dutzend Angestellte in China, also im realen Leben. Wie Gräf verdienen mehr als 10 000 Menschen Geld auf Second Life, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Und täglich eröffnen Unternehmen neue Dependencen in SL, ein Schuhhändler ist bisher noch nicht in Erscheinung getreten. Dafür sind die Sportriesen Adidas und Reebok präsent.

Gegen eine SL-Präsenz hat sich der Sportausrüster Puma entschieden. Katja Wallisch,Corporate Communications bei Puma, spricht von marketingstrategischen Gründen. „Stattdessen konzentriert sich Puma auf die gezielte Vermarktung kreativer Konzepte sowie die Weiterentwicklung seines eigenen Markenauftritts.“ Adidas bezog im September 2006 eine eigene Insel in Second Life und zählte dort ungefähr 36 000 Besucher (Stand Januar 2007). Neben einem Shop, in dem Avatare virtuelle Adidas-Schuhe kaufen können, gibt es dort ein Trainingsgelände,wo die Avatare die Sprungkraft der Sportschuhe in einer Art Hochsprunganlage und auf einem Trampolin testen können. Seit der Shoperöffnung machten die Herzogenauracher circa 1,15 Mio. L$ Umsatz, was gut 4000 Euro entspricht.

Obwohl die Avatare, und damit deren Erschaffer vor dem Bildschirm, aus dem SL-Shop per Mausklick direkt auf den realen Internetauftritt von Adidas gelangen und dort den „A3 Microride“ für 100 US-$ kaufen können, gibt es laut Adidas bisher keine verlässlichen Angaben über den Einfluß von Second Life auf die Umsätze. Das sei auch egal – noch. Laut Adidas-Sprecher Oliver Brüggen spielen vor allem Marketing-Interessen eine Rolle: „Adidas strebt danach, den Kontakt mit seinen Konsumenten permanent auf immer neue und innovative Weise zu festigen und zu verbessern. Die Partnerschaft mit Second Life bietet uns eine perfekte Möglichkeit, mit unserer jungen Zielgruppe in Kontakt zu treten.“

Mit Scarlett Johansson ins SL

In der Nachbarschaft von Adidas hat die Produktionsfirma Rivers Run Red im Oktober 2006 für die Marke Reebok eine Art „Stadtteil“ in Second Life erschaffen. Das Ganze hat ein urbanes Flair und passt zur aktuellen Reebok-Kampagne „I am what I am“. Anders als bei Adidas kaufen sich die Avatare hier einen Schuhrohling, den sie dann per Bildschirmklick konfigurieren können: Sohle schwarz, Kappe grün, Seitenstreifen weiß etc. Als findiger Händler bietet Reebok den Nutzern von Second Life außerdem an, diesen individuellen Schuh nicht nur für den Avatar, sondern auch als echte Version über den Online-Shop zu kaufen. Reebok erhofft sich von seinem SL-Auftritt einen Image-Gewinn. „Wir wollen unsere Kunden dort treffen, wo sie sich heute am meisten aufhalten, im Internet, und mit ihnen in direkten Kontakt treten“, heißt es aus dem Reebok-Headquarter.

Mit der Scarlett- Hearts-Rbk-Collection und der Zusammenarbeit mit der Schauspielerin Scarlett Johansson habe man im SL einen riesigen Wirbel erzeugt. Wirtschaftlich lohnen könnte sich die Präsenz in der virtuellen Welt für die Sportriesen, und SL könnte der neue Weg fürs Online-Marketing werden. Schließlich verbringt der durchschnittliche Nutzer dort monatlich 40 Stunden, heißt es von der Betreiberfirma Linden Lab. 60 Prozent der Nutzer sind Männer; das Durchschnittsalter beträgt 33 Jahre und der Anteil der Europäer steige stetig.

Auch für den Einzelhandel scheint die Parallelwelt immer mehr von Interesse: Vergangene Woche eröffnete die Handelskammer Hamburg als weltweit erste Industrie- und Handelskammer dort eine Niederlassung, die Stadt Frankfurt hat den Start ihres virtuellen Lebens für Anfang April angekündigt. Die Hamburger Handelskammer möchte damit neue Vertriebs- und Kommunikationswege im Internet erschließen, das virtuelle Frankfurt soll Unternehmen ein Umfeld für ihren Auftritt bieten. Ebenfalls der Einzelhandelsverband HDE beobachtet die neue Internet-Welt: „Die Entwicklung ist noch am Anfang, aber wir gehen davon aus, dass sich der Handel dort über kurz oder lang engagieren wird“, so HDE-Sprecher Hubertus Pellengahr. Vielleicht lassen sich die Avatare also bald selbst beim Kauf eines Sportschuhs virtuell beraten? 11/07 Kathrin Abler

Verwandte Themen
Foto: ILM
ILM bleibt stabil auf hohem Niveau weiter
Zielgruppenspezifische Ansprache für "CARBON"
Collonil launcht neue Sneaker-High-Tech-Pflege weiter
Görtz Ladenbau Berlin
Kreativer Ladenbau bei Görtz in Berlin weiter
Camel Active Vertrieb Niederlande
Camel Active stellt sich in den Niederlanden neu auf weiter
Der ANWR-Vorstandsvorsitzende Günter Althaus vertritt den IFH-Förderer ANWR im entsprechenden IFH-Gremium. Foto: ANWR
Neue Förderer des Instituts für Handelsforschung weiter
Birkenstock will Amazon in Europa nicht mehr beliefern weiter