Schuhmarkt

Leidenschaft für Ballerinas

Schuhe von Unützer stehen für einen gewissen Dresscode und Lebensstil. Sie sind nicht so bekannt wie Manolo Blahniks, aber ebenso sexy. Mit Ballerinas kam für Fritz Unützer der Erfolg. 05/07 Maria Schneidewind/Ilona Sauerbier

Eigentlich war Fritz Unützer schon ein gemachter Mann, als er noch einmal ganz von vorn anfing. Wie vom Vater geplant, hatte er gemeinsam mit seinem Bruder das familiengeführte Modegeschäft „English House“ in Münchens Maximilianstraße übernommen. Hatte es erweitert, mit neuem Schwung versehen und zwei Dutzend Jahre höchst erfolgreich Damen- und Herrenmode im British Style sowie sportliche Slipper, Mokassins und Penny-Loafer der Luxusklasse verkauft.

Später kam noch das 700 qm große „Scotchhouse“ schräg gegenüber dazu. Aber dann war da diese Lust, dem Sortiment noch etwas hinzuzufügen. Etwas, das es so nicht gab, das erst noch geschaffen werden musste: Schuhe für Frauen, die nicht nur den sportlich-alltäglichen, sondern auch den eleganteren Bereich abdecken – praktische Allrounder, passend zu jeder Gelegenheit. Das waren zunächst mal Mokassins. „Ende der 80er Jahre haben wir irgendwann mal den Ballerina-Fächer als Werbemittel herausgestellt“, erinnert sich Fritz Unützer, und dieses Motiv war so werbewirksam, dass auf einmal der Run auf Ballerinas begann. Mit den schlichten, flachen Tretern werden zwar immer noch mehr als 30 Prozent des Umsatzes gemacht, aber Unützer steht längst für andere Schuhe: Pumps, Stiefel, Ankleboots – flache Schuhe, hohe Pumps und Golfies.

Der Ballerina ist für den Münchner allerdings immer noch die ideale Schuhform: Der große Verwandlungskünstler, der zu Jeans und Abend-Outfit passt, keine Jahreszeit kennt und unendlich variiert werden kann. Es war klar, dass dafür nur beste Qualität in Frage kam. Bestes Design, bestes Leder, beste Verarbeitung. Um einen geeigneten Herstellungsbetrieb zu finden, konzentrierte sich Unützer ganz auf Italien, und zwar auf die Gegend, in der das Schuhhandwerk seit Jahrhunderten zu Hause ist: das Veneto. Unützer dürfte auch der einzige deutsche Schuhhersteller sein, der noch in Italien fertigt. Im kleinen Ort Fosso bei Venedig kaufte Fritz Unützer einen Betrieb, der auf Herrenschuhe spezialisiert war. Kurzerhand wurden die Mitarbeiter umgeschult, und nach zwei Monaten bereits war der erste Damenschuh fertig. Die Produktion kam schneller voran als erwartet und konnte sofort auf der Messe gezeigt werden.

Doch für die nächste Messe – das war die in München – waren alle Ausstellungsräume vergeben. Unützer entschied sich für die allerletzte Möglichkeit: Im Ballsaal des Hilton Hotels stand ein Flügel, der, zugedeckt, eine bescheidene Präsentationsfläche bot. Aus der Notlösung wurde ein Knalleffekt: Die kleine Kollektion auf dem umfunktionierten Flügel fiel auf – und kam an. Mittlerweile werden in Fosso jährlich 50 000 Paar Damenschuhe hergestellt.

Hinzu kommen Taschen und Gürtel. Rund 150 hochwertige DOB- und Schuhgeschäfte führen die Marke. Darunter Eickhoff in Düsseldorf, Maendler in München und Unger in Hamburg sowie Schuhhändler wie Herkenrath in Köln, Kegelmann auf Sylt sowie die Filialen von Budapester Schuhe mit Sitz in Berlin.

Weltweit werden zusätzlich etwa 40 Kunden beliefert. Es sind Geschäfte in London, New York, Paris,Tokio, Los Angeles, Seoul und Madrid. Eigene Showrooms gibt es in Mailand, London, Düsseldorf und München. Drei eigene Läden betreiben die Unützer-Brüder derzeit unter ihrem Namen: ein Geschäft für Damenmode in der Münchner Stollbergstraße, eines mit Herrenmode im Traditionshaus an der Maximilianstraße und ein Schuhgeschäft in der Hamburger ABC-Straße.

Zur Wintersaison 2007 machen Ballerinas etwa die Hälfte der angebotenen Formen aus. Es gibt sie im Zebra- oder Leo-Look, aus Metallicleder, schwarzem Samt oder knallbuntem Velours, bestickt mit Totenköpfen oder Pailletten. Dazu viele Schaftstiefel, Ankleboots und wadenhohe Stiefel. Die Pumps sind atemberaubend schön, erinnern im Styling an die 20er Jahre, betont durch den Mix von schwarzem Velours und Gold. Insgesamt gibt es rund 60 Farben und 15 Qualitäten von feinstem Kalbsund butterweichem Ziegenleder bis hin zu Schlange und Krokodil. Einige Ballerinas sind verrundet oder mit neuen, verkürzten Spitzen versehen.

Die Klassiker unter den Ballerinas haben ein Schleifchen mit geschlossenem Band, mit dem die Schuhweite noch ein wenig reguliert werden kann. Hinzu kommen Mokassins mit Curlylamm gefüttert: die Renner in der Order. Ein eigenes Kapitel stellen die „Golfies“ dar: Der patentrechtlich geschützte Begriff steht für Golfschuhe im modisch aufgepeppten Budapester- oder Sneaker-Design. Fritz Unützer, Vater von fünf Kindern, schaut heute nicht mehr nach London in Richtung British Style, wo er einst bei Burberry in die Lehre ging und später beim Edelschuhmacher Church arbeitete, bis er schließlich sein Studium an der renommierten Schule Insead in Fontainebleau beendete. Er pendelt zwischen München und Fosso. Obwohl die Herstellungskosten in Italien hoch sind – allein die Organisationsfixkosten eines Schuhs betragen 25 Prozent – denkt er nicht daran, die Herstellung nach Osteuropa oder Fernost zu verlagern, wie so viele in der Branche es getan haben.

Auch Shops sind für den angenehm unaufgeregten Unternehmer kein Thema. „Das ist eine Sache der Leidenschaft und Manpower“, sagt er. „Wir sind doch eher produktionsorientiert. Wir waren ja mal Einzelhändler.Würden wir es jetzt wieder tun, würden wir nur unsere Kunden vergraulen.“ Außerdem ist Fritz Unützer kein Freund von Monostores. „Das Einkaufserlebnis für den Kunden ist nicht so schön,wenn man die Konkurrenz ausschaltet.“ 05/07 Maria Schneidewind/Ilona Sauerbier

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