Luxus wird unschicklich. In den USA ist inzwischen das Lifestyle, was „inconspicuous consumption“ heißt – der unauffällige Konsum. Gut betuchte New Yorkerinnen verlassen die Designerläden mit neutralen Tüten, um politisch korrekt zu sein. Taschen für 2400 Euro, Schuhe für 800 Euro – wer braucht das noch? Das Verständnis von Luxus hat sich verändert. It–Bags tragen einem FAZ-Artikel zufolge nur noch bekokste Stilisten oder markengeile Moderedakteurinnen, oder auch neureiche Russen-Gattinnen, von denen sich hierzulande auch nicht mehr so viele sehen lassen wie noch vor sechs Monaten.
New Yorker Börsenbeobachter sprechen von einer Krise der Luxusindustrie, wie man es noch nie erlebt habe. Der World Luxury Index, in dem die weltweit wichtigsten Aktien dieser Branche versammelt sind, hat eine dramatische Talfahrt hinter sich. Luxus stecke nicht nur in einer Wirtschaftskrise, sondern in einer Legitimationskrise, ereifert sich der FAZ- Journalist weiter und zählt dabei genüsslich alle Schicksalsschläge auf, die den Designerhäusern gerade widerfahren.
Zugegeben: Es muss nicht immer Gänseleber oder Champagner sein, oder – Dior und Gucci. Aber beschimpft man jetzt nicht ein Marktsegment, ohne das die konsumige Mitte etwas grau aussähe?
Sind es nicht die Pradas und die Tod’s, die mittelständischen Mode- und Schuhanbietern die Blaupausen liefern? Stehen nicht in hiesigen Musterateliers, bei Agenturen oder Verbänden die Designerschuhe und -taschen auf dem Tisch, um sie für konsumige Märkte „nachzuempfinden“? Klar bietet die Talfahrt der Luxusbranche den normal gebliebenen Marken wieder bessere Umsatzchancen. Das ist auch gut so. Doch sollte man die kreativen Vordenker nicht ganz verteufeln: Ohne Mut zur Übertreibung, ohne gestalterischen Ehrgeiz und eine gewisse Besessenheit hätte es weder Kathedralen noch Schlösser bei uns gegeben, und die Welt sähe mit Zweckbauten und Plattensiedlungen ganz schön öde aus.
Ilona Sauerbier, stv. Chefredakteurin