In der gleichen Straße wie unser Verlag gab es nur ein paar Meter weiter ein Geschäft, in dem allerlei nützliche und hochwertige Küchenutensilien zu finden waren. Auch putziger Nippes, so kitschig, dass es schon wieder schön war, bereicherte die Schaufenster. Heute sehe ich das Geschäft plötzlich leer geräumt, die Schaufenster von außen mit rosa Folie beklebt. Wahrscheinlich vom Vermieter. In einem der Fenster ist nämlich ein innen angebrachter Abschiedsbrief der Unternehmerin zu lesen, wo jemand die rosa Folie wieder entfernt hat. Der Brief gibt in vielerlei Hinsicht zu denken:
Die Mieterin von Tassablanca war unzufrieden mit dem Standort. Dabei bekommen sowohl der Vermieter als auch die Stadt Wiesbaden ihr Fett weg. „Ich hatte sieben Wasserschäden, keine ordentliche Heizung usw“, heißt es in dem Brief. „Seit Jahren möchte ich gehen. Fünf Mal habe ich schon vor einem Mietvertrag gesessen und nicht unterschrieben, weil mein Vertrag hier noch nicht beendet war und ich die Repressalien des Vermieters fürchtete.“ Und an die Stadt gerichtet: „Ich wende mich von einer Stadt ab, die nichts dafür tut, ihre Innenstadt wirklich attraktiv und belebt zu gestalten, die Einkaufszentren baut, die niemand braucht, und Fußgängerzonen errichtet, die für Sie (die Kunden) kaum noch Parkmöglichkeiten bieten.“ Dazu muss man wissen, dass Ordnungshüter in dieser erst vor kurzem erweiterten Fußgängerzone vor dem Haus eine attraktive Einnahmequelle haben. Nicht nur Kunden haben permanent Ärger, sondern auch Eltern, die ihre Kinder in die Kita gegenüber bringen und kurzzeitig ihren Wagen abstellen.
Am 7. Februar 1987 hat es für die Unternehmerin begonnen. Am 7. Februar 2008 ist es zuende – zumindest in Wiesbaden, die Stadt, die wieder einmal eine engagierte Händlerin verliert. „Am 31.12.2008 endete mein Mietvertrag und ich war das erste Mal in der Lage, frei entscheiden zu können zu gehen – und ich habe mich entschieden: für einen neuen Laden in einer anderen Stadt.“ Die Nachbarstadt Mainz auf der anderen Rheinseite wird Tassablanca zukünftig eine neue Wirkungsstätte bieten. Der Pioniergeist sei dort genauso geweckt worden wie vor 22 Jahren am nun aufgegebenen Standort.
Warum ich so ausführlich diesen Brief beschreibe? Weil man nicht vergessen sollte, dass außer Krisen und kaufunlustiger Kunden noch andere Dinge dem Handel das Leben schwer machen: Hindernisse, die politisch anzugehen sind, und die ohne eigenes Engagement der Händler nicht auszuräumen sein werden.
Peter Skop, Chefredakteur